Im Gespräch mit dem Autor Philip Dingeldey

Interviews mit Autoren und Autorinnen
Dass hinter jedem Buch ein/e Autor/in steckt, ist bekannt. Irgendwer muss sich ja diese mega Geschichte ausgedacht haben, die zwischen den beiden Buchdeckeln verborgen ist.
Aber leider bekommen diese viel zu wenig Aufmerksamkeit. Finde ich zumindest.

Deswegen möchte ich dir heute den Autor Philip Dingeldey vorstellen. Ich persönlich kenne seine Bücher leider noch nicht, aber vielleicht komme ich ja irgendwann dazu wenigstens eines zu lesen.

Hey Philip

Autor Philip Dingeldey
© Philip Dingeldey

Wer bist du? Stell dich vor!
Hi, ich bin Philip und 29 Jahre alt. Ich stamme ursprünglich aus einem mittelfränkischen Kaff und habe dann Geschichte und Politikwissenschaft in Erlangen-Nürnberg und danach Politische Theorie in Frankfurt am Main, Darmstadt und Blacksburg in den USA studiert.

Jetzt arbeite ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Greifswald und lebe mit meiner Freundin in Berlin. Derzeit schreibe ich meine Doktorarbeit zum Thema Demokratietheorie. Nebenberuflich schreibe ich schon lange, sowohl journalistisch als auch literarisch. Angefangen habe ich als Lokaljournalist in Nürnberg und Frankfurt – da lernt man das Handwerk. Und inzwischen schreibe ich vor allem Essays und Buchkritiken: zum Beispiel beim Online-Kulturmagazin Postmondän. Aber ich habe auch schon recht viele Bücher geschrieben und veröffentlicht. Dazu gehören sowohl philosophische Sachbücher als auch Erinnerungsbücher und natürlich auch Lyrik und Kurzprosa. Und ganz neu ist mein Science-Fiction-Roman “Chor aus der Dunkelheit”. Zwischen meinen beiden Haupttätigkeiten Philosophie und Literatur besteht immer die Verbindung, dass so gut wie alles, was ich schreibe, irgendeinen politischen – und gerne auch sozialkritischen – Bezug hat. Lesen, Schreiben, Forschen und Lehren sind sozusagen eine Berufung für mich.

Seit wann schreibst du? Gab es ein ausschlaggebendes Erlebnis, das dich zum Schreiben gebracht hat?
Die Frage ist eher: Wann schrieb ich nicht? Seitdem ich denken kann, habe ich schon geschrieben und mir Geschichten ausgedacht. Das war schon immer in meinem Leben.

Dennoch gab es selbstverständlich als junger Mensch ein Aha-Erlebnis, das mich für Literatur begeistert hat – und diese Begeisterung ging so weit, selbst schreiben zu wollen, sobald ich selbst etwas zu sagen oder zu erzählen habe. Dieses Erweckungserlebnis war die Lektüre von Bertolt Brecht. Einerseits ist das natürlich eine Geschmacksfrage – etwa, dass Brechts kühler, aber doch gefühlvoller Stil und die Themen Klassenkampf, Unterdrückung und Antifaschismus mich persönlich packten. Andererseits ist es die kritische und doppelbödige Vorgehensweise dieses Autors, der jedem Kitsch widerspricht und alles verfremdet, um zum kritischen Denken anzuleiten, was die Qualität seiner Lyrik und Dramatik ausmacht. Er bietet mir also eine literarische Methode von Dialektik und Befreiung. Und das war das ausschlaggebendste Element. Genau darum habe ich auch nicht nur brechtianische Methoden in meiner Prosa anzuwenden versucht, sondern ihn wie auch Franz Kafka und (jetzt eher staatsphilosophisch) Niccolo Machiavelli in meinem Roman verarbeitet.

Liest du selber gerne Bücher und welches Genre? Hättest du vielleicht einen ultimativen Buchtipp?
Ich lese viel genreübergreifend. Ich bin da auch nicht festgefahren.
Am liebsten lese ich, wenn ich mal gerade keine wissenschaftlichen Texte lese und verwurste, moderne Klassiker – vor allem meine Säulenheiligen Brecht und Kafka. Aber ich halte nicht viel von einem literarischen Snobismus, der dann naserümpfend auf andere Genres herabsieht. Meine Kriterien dafür, was ich gerne lese, ist nicht genrespezifisch, sondern qualitativ. Ein gutes Buch muss, wie Kafka sagt, eine Axt sein für das gefrorene Meer in unserem Inneren sein. Das kann fast jedes Genre erfüllen, wenn der Autor gut genug ist. Ein gutes Buch muss verwirren, einen aufschrecken lassen, Verstand und Gefühl berühren, es wachrütteln. Das heißt, zum einen darf es Verstand und Gefühl nicht schmelzen lassen. Darum mag ich keinen Kitsch, und auch die meisten reinen Liebesromane, die doch oft leider sehr plump und einseitig sind, sind sicher nichts für mich. Aber wenn ein Buch die Axt ist, etwas zu rütteln, zu erschüttern, hervorzuschlagen, was an die Oberfläche muss, dann ist es ein gutes Buch. Durch meine Vorliebe für Politik sind das oft zeitgenössische Momentaufnahmen von Ungerechtigkeit und Ungleichheit, die nicht allein in ein Jammertal führen, sondern die erwecken. Darüber hinaus lese ich gerne Science-Fiction, die seit jeher politisch ist. Denn egal, wie verrufen dieses Genre einmal gewesen sein mag, es geht hier darum, Welten mit Wissenschaftsbezug zu erschaffen, sich mit deren Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen – sich etwa zu zu fragen, was wäre, wenn, wie kann sich etwas entwickeln und was sagt das über die Gesellschaft aus, in der wir zurzeit leben. Wie ein historischer Roman – oder auch ein Fantasyroman, wenn er nicht zu sehr High Fantasy ist – setzt Science-Fiction etwas in eine andere Welt und/ oder Zeit und sorgt so dafür, dass wir mit einer kritischen Distanz nicht nur das beurteilen, was wir da lesen, sondern auch, wo da der Bezug zu uns ist, zu unserer Gesellschaft oder auch zur Gattung Mensch ganz generell – also im Grunde ein brechtianisches Motiv, das ich auch selbst praktisch verfolge. Den einen ultimativen Buchtipp dagegen kann ich gar nicht geben. Aber ich hoffe, was und wen ich gerne lese, ist trotzdem klar geworden.

Gibt es unter deinen eigenen Büchern ein Buch, das du am Liebsten magst? Warum?
Da würde tatsächlich sagen, mein neuestes Buch “Chor aus der Dunkelheit”.
Qualitativ, glaube ich, bin ich einfach mit der Zeit und mit dem Experimentieren im Sachen Geschichte und Stil besser und komplexer geworden. Daher würde ich sagen, dieser Debütroman ist bisher mein Lieblingsstück. Mir ist schon bei meinem vorherigen Buch – der Novelle Hiob 2.0 – aufgefallen, dass mein Stil besser wurde, aber das hat jetzt nochmal einen Sprung gemacht. Heute würde ich nicht mehr so schreiben, wie bei meinen ersten publizierten Texten.

Philip Dingeldey

Die Grundhandlung meines Debütromans “Chor aus der Dunkelheit” geht von folgendem Problem aus: In einer zukünftigen Version ist Europa im 22. Jahrhundert ein neofeudales Regime, das in einem Ausnahmezustand von Konzernen regiert wird. Es sind, nach Naturkatastrophen und Kriegen, nicht mehr viele Staaten weltweit übrig. Und irgendwann sind in der Vorgeschichte des Buches Vampire aufgetaucht (woher verrate ich nicht). Nach einem Krieg zwischen Menschen und Vampiren, wurde aber endlich ein Frieden geschlossen. Der Deal ist, dass die Vampire, die wesentlich leistungsstärker sind, als Menschen, für das europäische System arbeiten, etwa Ökostrom durch ihre reine Kraft produzieren; und dafür bekommen sie Menschenkörper für den Blutkonsum. Diese vom Staat präsentierten Menschenopfer stammen aus Konzentrationslagern. Der Konflikt bricht am Anfang des Buches nun wieder hervor, als eine Vampirin eines ihrer Opfer nicht nur aussaugt, sondern ihn zum Vampir verwandelt. Das ist eben verboten, um ein Gleichgewicht zwischen Menschen und Vampiren aufrechtzuerhalten. Also entsteht ein neuer Konflikt, in den sich auch allerlei obskure Gruppen mit einmischen. Geschrieben ist es aus der Perspektive des Menschenopfers, das verwandelt wurde – er wird Septimus genannt –, und dem Lageraufseher, der die Transformation zum Vampir zugelassen hat und den Vampir zurückholen soll: George B. Reizvoll daran ist vor allem der dystopische Charakter: Es geht um eine Zukunft, die sehr düster ist und unser Wirtschaftssystem zuspitzt, ohne Rücksicht auf irgendein Leben. Es geht aber auch, um die Figur des Anderen, der auf die Menschheit trifft, also hier die Vampire. Es geht aber nicht nur um soziale und politische Ungerechtigkeit, um Totalitarismus und Ungleichheit, sondern auch um die in sich solidarische und demokratische Gemeinschaft der Vampire und wie sie sich im Konflikt wandelt. Und es geht um die uralte Frage, ob ein gewalttätiger Widerstand legitim sein kann.

Innovativ daran, so hoffe ich, ist, dass hier Vampire nicht nur zum Horror oder für schwarze Romantik verwendet werden, sondern dass dies mit typischen Science-Fiction-Elementen, wie der zukünftigen Gesellschaft, einer teils fortschrittlichen Technik, von Cyborgs bis hin zu Massenvernichtungswaffen, vermischt werden. So etwas gab es, soweit ich das übersehen kann, in dieser Form noch nicht. Auch der letzte Aspekt macht aus, dass das wohl das liebste unter meinen eigenen Büchern ist: die Politisierung der Fantasy- beziehungsweise Horrorfigur Vampir in einem Hybridroman. Denn das Spannende an Vampiren ist ja, dass sie ihre Fähigkeiten (Stärke, Unsterblichkeit etc.) teuer bezahlen müssen: denn klassischer Weise tötet die Sonne sie und sie überleben, in dem sie morden. Da wird ein Naturgesetz frei, nämlich dass man für Leben durch Tod bezahlt – ein natürlicher Widerspruch sozusagen, der nicht auf der Bosheit dieser mythologischen Figur fußt. Das habe ich versucht und nach Formen von Zusammenleben und Konflikt in einer solchen Konstellation gesucht. Kurz gesagt: Ich habe versucht, eine Langparabel zu schaffen.


Vielen Dank lieber Philip, dass du dir Zeit genommen hast meine Fragen zu beantworten.
Kennst du schon das Buch vom Philip?
Wenn ja, wie hat es dir gefallen?

Signatur Buchblog angeltearz liest

Quellenangabe: Klappentext und Buchcover stammen vom Verlag / Autor.

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